Verfahrenstechnik aktuell

05.04.2017 – Mobiles Zählzentrum: „Wie der Berg zum Propheten“

Das neue Mobile Zählzentrum hat es in sich: Interseroh hat eine komplette Zählanlage für Einwegpfandgebinde in einem Lkw-Auflieger untergebracht.
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Mobiles Zählzentrum: „Wie der Berg zum Propheten“

Im Zentrallager des Großhändlers herrscht reges Treiben: Zahlreiche Rampen sind besetzt, nonstop werden Waren entladen und abtransportiert. An einer Rampe jedoch steht ein dunkelblauer Auflieger ohne Zugmaschine. In ihm brummt und knirscht es, und aus einer Schütte fliegen faustgroße Materialstücke in einen ebenfalls dunkelblauen Container.

Der Lkw-Auflieger beherbergt das Mobile Zählzentrum der Interseroh Pfand-System GmbH, eine Tochter des Recyclingspezialisten ALBA Group. Deutschlandweit betreibt Interseroh bereits zehn stationäre Zählzentren, 2016 ist das Mobile Zählzentrum hinzugekommen. „Unser Konzept ist ebenso simpel wie zukunftsweisend“, sagt Claus Jüsten, Geschäftsführer der Interseroh Pfand-System GmbH und Erfinder des MZZ. „Wir haben die zentralen Elemente eines stationären Pfandzählzentrums genommen und sie in einen Standard-Lkw-Auflieger eingebaut. Dadurch lässt sich die Anlage direkt beim Kunden vor Ort aufstellen und nutzen. Darin passiert eigentlich genau das gleiche wie in unseren stationären Zählzentren, nur eben auf einer kleineren Fläche.“

Vom Massenförderer in die Zählanlage

Der Prozess des mobilen Pfandzählzentrums ist klar strukturiert: Ein Interseroh-Mitarbeiter nimmt die Säcke mit dem Einwegpfand-Leergut entgegen und scannt den Barcode des Talons. Der Code dient zugleich als Kundennummer des Händlers und ist für die eindeutige Zuordnung der Pfandgebinde unerlässlich.

Anschließend leert er den Sack in einen trichterförmigen Massenförderer – die erste Station des MZZ. Heraus fallen dutzendweise Pfandflaschen, vor allem aus Bunt- und Weiß-PET, aber auch Aluminiumdosen und einige Behälter aus Weißblech und Glas: die so genannte Zählware, also Pfandgebinde, die noch nicht gezählt oder gepresst wurden und deren Pfand-Verrechnung – das Clearing – noch aussteht.

250 Gebinde in drei Minuten

Mit den Flaschen macht die mobile Zählanlage kurzen Prozess. Mittels Fliehkraft werden die Gebinde blitzschnell in Reih und Glied sortiert. Über ein kurzes Förderband sausen sie dicht an dicht ins Herzstück der Anlage: die Leseeinheit. In dem unscheinbaren weißen Kasten wird jedes Pfandgebinde per Barcode-Scan identifiziert, der Pfandwert ermittelt und dem Händler bzw. dem Kunden zugeordnet.

Fehlwürfe sowie Einwegflaschen und -dosen mit nicht lesbarem Barcode leitet die Maschine in eine manuelle Nacherfassungsstation um, alle als valide identifizierten Pfandgebinde fahren weiter in Richtung Crusher, die letzte Station im MZZ. Mit einem unverwechselbaren Knirschen presst der Crusher die Gebinde nun zusammen: Aus der Zählware wird kompaktierte, recycelbare und handelbare Ware – Pfand-Missbrauch ausgeschlossen.

In weniger als drei Minuten ist der gesamte Sack-Inhalt verarbeitet: 250 valide Gebinde mit einem Pfandwert von 62,50 Euro. „Mit den ermittelten Datensätzen lässt sich nun der Pfandbetrag zwischen Hersteller und Händler verrechnen“, sagt Claus Jüsten. „Diese Aufgabe übernimmt der so genannte Clearingdienstleister, zum Beispiel Interseroh.“ Für den Händler ist der Prozess hier abgeschlossen. Sein Einwegpfand wurde erfasst und sein Clearing ist gesichert.

Mobiles Zählzentrum (MZZ)
Eine größere Ansicht finden Sie hier.

Händler sparen sich die Logistik

Jetzt kommt der Presscontainer ins Spiel. An der Rückseite des Lkw-Aufliegers plumpsen die gepressten und entpfandeten Einwegpfandflaschen in den Container, in den bis zu 120.000 gezählte Gebinde hineinpassen, bereit für den Transport zur Recyclinganlage.

Weitgehend ähneln die Abläufe denen im stationären Zählzentrum. Mit einem entscheidenden Unterschied: „Für Händler ist der Pfandprozess normalerweise mit einem riesigen logistischen Aufwand verbunden“, erklärt Claus Jüsten. Um ihr Leergut zum nächstgelegenen Zählzentrum zu bringen, legen einige Großhändler täglich bis zu 100 Kilometer oder mehr zurück. „Diese Transporte sind hochgradig ineffizient“, so Jüsten. Denn: In einen Lkw passen lediglich rund 25.000 ungepresste Pfandflaschen – ein Fünftel dessen, was der Presscontainer fasst.

Deshalb bringt Claus Jüsten mit dem MZZ die Zählanlage zum Kunden oder, wie er sagt, „den Berg zum Propheten“. Der 43-jährige Betriebswirt ist von dem Konzept rundum überzeugt: „Der Vorteil unserer mobilen Anlage ist schnell erklärt: Unsere Kunden sparen Zeit und Treibstoff, da sie ihre Pfandflaschen nicht mehr durch die Gegend fahren müssen.“ Zugleich schonen sie erwiesenermaßen das Klima. Das Fraunhofer-Institut UMSICHT hat ermittelt, dass ein einziges Unternehmen durch den Einsatz des MZZ jährlich so viel CO2 einspart, wie eine Waldfläche von knapp drei Fußballfeldern Größe binden kann.

MZZ entlastet Verkehrsnetze

Claus Jüsten zufolge lohnt sich die Nutzung der mobilen Einwegpfandanlage vor allem für Unternehmen, an deren Zentrallager eine große Zahl unkomprimierte Einwegpfand­gebinde anfällt – etwa bei großen Getränkefachhändlern – und die weite Strecken zum stationären Zählzentrum zurücklegen müssten. Am liebsten möchte Jüsten direkt fünf weitere Mobile Zählzentren bauen. Gerade auch mit Blick auf die überlasteten deutschen Verkehrsnetze: „Der Faktor Transport wird künftig noch viel wichtiger werden. Unsere Anlage kann dazu beitragen, diese Herausforderung besser zu bewältigen.“ (KR)

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(Foto: ALBA Group)


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