Fraunhofer-Institut UMSICHT legt Positionspapier vor

21.11.2017 – Plastiktüten-Recycling sinnvoller als Verbot

Sind Kunststofftüten besser als ihr Ruf? Das legt ein Positionspapier des Fraunhofer-Instituts UMSICHT nahe. Best Practices liefert die Recyclingbranche.
Fraunhofer-Institut UMSICHT legt Positionspapier vor

Plastiktüten-Recycling sinnvoller als Verbot

Die Umweltbedeutung der Plastiktüte, so die Fraunhofer-Wissenschaftler, werde in Deutschland oftmals überhöht. Einerseits weise ihre Ökobilanz keine spezifischen Nachteile gegenüber Papier- und Baumwolltüten auf. Andererseits verbrauchen die Deutschen lediglich 45 Plastiktüten pro Kopf und Jahr im Gegensatz zu Bulgarien mit mehr als 400 Tüten. Und: Der Massenanteil von Kunststofftüten am Gesamtkunststoffverbrauch liege bei unter einem Prozent. Nicht zuletzt verhindert ein funktionierendes Sammel- und Recyclingsystem, dass Plastiktüten aus Deutschland massenweise in die Natur gelangen.

Verantwortung bei Verbrauchern fördern

Dennoch, so die Autoren, gehört die Plastiktüte weltweit seit Jahren zu den meist gefundenen Müllobjekten bei Sammelaktionen an Stränden wie etwa in Mumbai oder in Indonesien. Deshalb bedürfe es – gerade mit Blick auf internationale Abfallströme – einer effektiven Strategie, die einen sorgsamen und verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen fördert. Aus wissenschaftlicher Sicht sieht Fraunhofer UMSICHT folgende Maßnahmen als geeignet an:

  • Die Mehrfachnutzung von bzw. ein optimales End-of-Life-Management für alle Arten von Einkaufstüten vorantreiben.
  • Statt eines generellen Verbots von Plastiktüten: Maßnahmen umsetzen, die zu mehr Eigenverantwortung führen – darunter Pfandsysteme, Umweltbildung oder Pflichtpreise.
  • Alle Maßnahmen politisch und regulatorisch flankieren, die das Kunststoffrecycling erleichtern – etwa Sammelsysteme zur einfachen, sortenreinen Erfassung oder der Verzicht auf Multimaterialsysteme.

Darüber hinaus empfehlen die Fraunhofer-Wissenschaftler, bioabbaubare Materialien in ihrer Eignung für Plastiktüten näher zu untersuchen sowie keine Polyethylen-Plastiktüten mit katalytischen Zusätzen in Umlauf zu bringen. Diese setzten Mikroplastik frei, das leicht in die Umwelt gelangen und zu Problemen führen könne. Das aktuelle Positionspapier zum Thema Plastiktüten stammt aus der Reihe „Fraunhofer UMSICHT nimmt Stellung“.

Funktionierendes Modell für Verpackungsrecycling

In Deutschland sorgen seit Jahrzehnten flächendeckende Sammel- und Recyclingstrukturen dafür, dass Kunststofftüten – ebenso wie andere Verpackungsabfälle – nicht in der Umwelt landen. Die deutsche Recyclingwirtschaft nimmt hier weltweit eine Vorreiterposition ein. Insbesondere die 1991 in Kraft getretene Verpackungsverordnung hat zu einem Innovations- und Recyclingschub geführt: Sie machte Hersteller und Inverkehrbringer erstmals für die getrennte Sammlung und Entsorgung ihrer Verkaufs- und Transportverpackungen finanziell verantwortlich. Seither ist die Recyclingquote von Kunststoffverpackungen in Deutschland um mehr als 370 Prozent gestiegen. Im Mai 2017 nahm das neue Verpackungsgesetz die letzte Hürde. Es legt einen noch stärkeren Fokus auf die Produktverantwortung und soll die Recyclingquoten weiter steigern.

Parallel zu den gesetzlichen Vorgaben hat sich auch die deutsche Recyclingbranche zu einer Industrie mit Vorbildfunktion weiterentwickelt. Recyclingspezialisten wie der zur ALBA Group gehörende Umweltdienstleister Interseroh sind heute in der Lage, aus den Kunststoffabfällen aus der Gelben Tonne neuwertige Kunststoffe herzustellen. Für sein Upcycling-Verfahren „Recycled-Resource“ wurde Interseroh erst vor einigen Wochen mit dem slowenischen Umweltpreis ausgezeichnet. In dem innovativen Produktionsverfahren entstehen die Kunststoffrezyklate Procyclen und Recythen, die Neumaterialqualität aufweisen und in ihren Eigenschaften individuell angepasst werden können – bei einer deutlichen Verbesserung der Klimabilanz.

Mit funktionierenden Best Practices zeigt die deutsche Recyclingindustrie, wie sich das Problem mit Plastiktüte und Co. langfristig lösen lässt, indem die Produktverantwortung und Kreislaufwirtschaft nachhaltig ausgebaut werden. (KR)

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(Foto: stars_hjp/fotolia.com)


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