Reportage vor Ort

21.08.2018 – Leichtathletik-EM: Entsorger im Mitternachtseinsatz

19 Medaillen – die Bilanz der deutschen Leichtathleten zur EM kann sich sehen lassen. Meisterlich waren auch die Entsorgungsarbeiten im Berliner Olympiastadion.
Reportage vor Ort

Leichtathletik-EM: Entsorger im Mitternachtseinsatz

Es ist Dienstagnachmittag, Tag zwei der Leichtathletik-Europameisterschaft 2018. Taylan Yildirim hat bereits mehrere Stunden Arbeit im Berliner Olympiastadion hinter sich. Eigentlich beginnt die Arbeit für den ALBA-Einsatzleiter erst nachts, wenn die bis zu 55.000 Gäste das Stadion verlassen haben. Doch an Tagen wie diesen klingelt sein Telefon schon mittags. Heute benötigte einer der Caterer aus der Warenannahme Unterstützung: Seine 20 Abfallbehälter waren bereits nach den Vormittags-Wettkämpfen brechend voll.

Kurzerhand stieg Yildirim auf einen Lkw im Stadion und tauschte die Behälter aus. Problem gelöst – vorerst: „Theoretisch dürfte ich während der gesamten sieben Tage nicht schlafen“, sagt Taylan Yildirim. „Aber wenn es geht, ruhen wir uns tagsüber aus, um nachts mit voller Kraft durchstarten zu können.“ Trotz seines frühen Arbeitsbeginns wirkt Taylan Yildirim nicht erschöpft. Es sei ja nur für die paar Tage, erklärt er, und eine abwechslungsreiche Tätigkeit noch dazu. Wenn man schon bei so einer großen Veranstaltung als Entsorger teilnehmen dürfe, sagt der 31-jährige Berliner, dann wolle man natürlich 100 Prozent geben – und manchmal auch mehr.

Wenn die Nacht zum Tag wird

Es ist ein verschobener Rhythmus, den der ausgebildete Industriekaufmann und seine Abfall-Crew in diesen sieben Tagen leben. Nacht für Nacht rückt er mit seinem Team aus 40 Handreinigern, zwei Mitarbeitern im Presswagen und zwei Kehrmaschinen an.

Die Reinigungs- und Entsorgungsarbeiten müssen zwischen 23 Uhr und 6 Uhr erledigt werden. In diesem Zeitfenster befreien die Teams die Tribünen, alle Böden im Stadion und auf dem Gelände sowie die Flächen im Olympiapark von Abfällen. Insgesamt leeren sie 500 Müllbehälter, pressen die Abfälle in Containern zusammen und transportieren sie schließlich zum Abfall-Zwischenlager von ALBA in Berlin-Reinickendorf. Den größten Anteil an den Abfällen machen die Pappteller aus den Imbiss-Ständen sowie die Papierhandtücher aus den Toiletten aus. Hinzu kommen leere Kartons und Ketchup-Flaschen der Standinhaber.

Bei der Abfalltrennung geht’s um die Wurst

Abfalltrennung darf auch während der Leichtathletik-EM nicht zu kurz kommen, weiß Yildirim: Neben Gelben Tonnen für Leichtverpackungen stellt das Team Papierkörbe, Restabfalleimer und Sammelbehälter für Speisereste bereit. Wie viele Abfälle am Ende tatsächlich recycelt werden können, hängt allerdings maßgeblich vom Wegwerfverhalten der Stadionbesucher ab, wie der Einsatzleiter erklärt. Auf den Abfalleimern kleben zwar Aufkleber in mehreren Sprachen – doch nicht immer gelinge die Aufklärung: „Ein Gast wollte seinen Currywurst-Teller in die Papiertonne werfen“, erzählt Yildirim. „Verunreinigtes Papier gehört aber in den Restmüll. Das habe ich ihm erklärt, aber ob er es künftig umsetzt, weiß ich natürlich nicht.“

Mitunter kommt es vor, dass Abfalleimer durch Essensreste so stark verschmutzt werden, dass sie unbenutzbar sind und ausgetauscht werden müssen. Dafür gibt es im Stadion das so genannte Tanklager. In dem Spezialraum für die Entsorgungskräfte stehen Ersatzbehälter und Müllpressen bereit. Hier können die Mitarbeiter zudem die verdreckten Behälter mit einem Schlauch abspülen.

Heimatrevier Olympiastadion

Taylan Yildirim, der seit zwölf Jahren in der ALBA Group arbeitet, ist seit Anfang 2018 für die Entsorgungsarbeiten im Olympiastadion und Olympiapark verantwortlich. Seitdem hat der Wahl-Spandauer schon bei zahlreichen Heimspielen des Hertha BSC, aber auch bei Konzerten von Beyoncé oder Ed Sheeran, die Entsorgung koordiniert. Das Olympiastadion sei inzwischen sein Revier. „Wenn da etwas schief geht, fällt das auf mich zurück. Das sage ich auch meinen Teams. Sie sind hier, um ihre Aufgaben gut zu erfüllen. Nicht mehr und nicht weniger.“ Von diesem Qualitätsanspruch hat er inzwischen auch seine 18- bis 60-jährigen Mitarbeiter überzeugt.

Kurz vor Mitternacht zieht die Abfall-Mannschaft in zwei Gruppen ins Stadion ein, um die tägliche Arbeit zu erledigen. Außer den Sicherheitskräften ist dann keine Menschenseele mehr am Platz. „So hat die Nachtarbeit trotz der Anstrengung auch ihr Gutes“, sagt Yildirim. „Wir können ungestört arbeiten und es ist angenehm kühl, das kann man bei diesem heißen Sommer schon fast genießen.“ Tagsüber kümmern sich lediglich vier Mann darum, grobe Verschmutzungen im Stadion zu beseitigen.

Größte Hürde: Akkreditierung

An Tagen ohne besondere Vorkommnisse betritt Yildirim das Stadion erst um 21 Uhr. Dann sind die Athleten und Zuschauer der Europameisterschaft noch im Stadion. Und während der Berliner sich einen Überblick über die Abfall-Lage verschafft, kann er auch ein bisschen EM-Luft schnuppern. „Wenn die deutschen Athleten Medaillen holen, dann geht die Party so richtig ab.“

Nicht die anstrengende Nachtarbeit, nicht die vielen täglichen Anfragen, auch nicht die verdreckten Behälter sind für Taylan Yildirim die größte Herausforderung der Entsorgung für die Europameisterschaft. „Die größte Hürde war es, meine Mitarbeiter rechtzeitig zu akkreditieren!“ Die Sicherheitsvorschriften sahen vor, dass alle Arbeitskräfte einen vierstufigen Anmeldeprozess durchlaufen mussten – unter anderem eine Prüfung durch das Landeskriminalamt. „Bis kurz vor Beginn der EM waren immer noch nicht alle an Bord. Das war ganz schön schweißtreibend“, sagt Yildirim. In letzter Minute hat dann aber doch noch alles geklappt. Zugunsten einer optimalen Entsorgung der Abfälle und einer umso entspannteren Leichtathletik-Europameisterschaft 2018. (KR)

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(Foto: ALBA Group)


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