Reportage vor Ort

13.09.2018 – Lastkahn-Recycling: Wenn das Wrack zum Schatz wird

recyclingnews hat die Demontage und Verwertung der beiden Lastkahn-Schwestern Bärbel und Bärbel-Marlies begleitet. Ein Projekt mit Tiefgang.
Reportage vor Ort

Lastkahn-Recycling: Wenn das Wrack zum Schatz wird

Es ist 7.04 Uhr morgens. Das Wasser ist noch ruhig im ALBA-Nordhafen in Königs Wusterhausen. Bärbel und Bärbel-Marlies liegen vor Anker und warten auf ihren allerersten Landgang. Fast acht Jahrzehnte lang transportierten die beiden Lastkähne Güter über den Finowkanal, bewegt nur von Zugpferden oder dem Wind in ihren Segeln.

Nach Stilllegung des alten Kanals für den kommerziellen Schiffsverkehr gingen die Schwesterkähne schließlich in den Besitz der Berlin-Brandenburgischen Schifffahrtsgesellschaft über. Der Verein kümmert sich um den Erhalt historischer Wassergefährte und betreibt dafür eigens einen Museumshafen in Stadt-Mitte. Doch die Liegeplätze sind begrenzt. Wird eine Restauration zu kostenintensiv oder können die Boote nicht mehr umfunktioniert werden – etwa in ein Fitnessstudio oder ein Restaurant – bleibt nur noch der Schrottplatz.

Emotionaler Abschied

„Für die Vereinsmitglieder ist das ein schwarzer Tag“, erklärt Michael Demski. „Sie haben viel Herzblut in die beiden Schwestern hineingesteckt, aber jetzt brauchten sie den Liegeplatz für die beiden neueren Schiffe Elisabeth und Horst. Der 60-jährige Projektleiter und Experte für Eisen- und Nichteisenmetalle bei ALBA Metall Nord weiß aus langjährigen Erfahrung, dass der Abschied von ausgedienten Schiffen oder anderen Fahrzeugen oft emotional ausfällt.

In seinen 40 Jahren Berufserfahrung hat er neben Schiffen auch schon U-Bahnen und S-Bahnen demontiert und recycelt – oft waren wie dieses Mal die Vereinsmitglieder dabei und haben die letzte Reise ihrer Schützlinge begleitet.

Unerwartete Schwierigkeiten

Jedes Projekt stellt die Recyclingspezialisten vor neue Herausforderungen. Als erstes gilt es die beiden alten Kähne aus dem Wasser auf den Schrottplatz der ALBA Group zu heben. Doch das gestaltet sich als anspruchsvolles Unterfangen – schließlich ist jeder Koloss 40 Meter lang, 4,6 Meter breit und bringt 64 Tonnen auf die Waage. Das entspricht der Länge eines Großmasts mit dem Gewicht eines Pottwals.

Riesige Schlaufen, so genannte Traversen, werden um die Boote gelegt. Zwei Spezialkräne sollen die Boote aus dem Wasser ziehen. Kaum haben sich die Kranwinden in Bewegung gesetzt, ist es auch schon wieder vorbei: Die Elektronik schaltet sich ab, die Damen haben zu viel Gewicht auf dem Schiffsrumpf.

Abnehmkur für Lastkähne

In Momenten wie diesen zahlt sich Demskis langjährige Erfahrung aus. Er weiß: Die Schiffe vor dem Herausheben zu zerlegen, könnte die Stabilität der Schiffe aufs Spiel setzen. „Wir wissen nicht, wie der Schiffsrumpf beschaffen ist. Er könnte ohne Weiteres wegknicken – deshalb müssen wir die Kähne in einem Stück herausheben“, so sein Fazit.

Um Gewicht zu reduzieren, wird jedes Schiff deshalb einseitig leicht angehoben und das Restwasser aus dem Schiffsinneren abgepumpt. Ein kritischer Moment für das Projekt: „In solchen Augenblicken stehen wir immer mit klopfendem Herzen daneben und hoffen, dass alles klappt“, sagt Demski. „Das Gefühl der Spannung kommt jedes Mal auf.“ Nach knapp einer Stunde können alle Beteiligten aufatmen. Beide Kähne liegen unversehrt auf dem Trockenen.

Ein besonderer Fund unterm Kiel

Kaum ist der kritische Teil des Projekts geschafft, beginnen die Bagger und Brenner mit der Arbeit. Gemeinsam zerlegen sie die Schiffe nach und nach in immer kleinere Teile und transportieren die werthaltigen Teile ab, um sie für das Recycling vorzubereiten.

Ein besonderer Gewinn in diesem Projekt ist das Holz unterm Kiel, wie Michael Demski erläutert. Beim Schiffsbau wird das Material an dieser Stelle nur noch selten eingesetzt. Als die Bretter ausgebaut werden, zieht ein feucht-moderiger Geruch durch den Hafen. Die Unterseiten der alten, zehn Zentimeter starken Holzbohlen sind von Muscheln übersät.

Für ihr Recycling rückt ein ganz besonderer Entsorgungstrupp an. „Unsere Krähen werden sich über diesen Festschmaus tierisch freuen“, sagt Michael Demski. Und tatsächlich pflücken die Krähen, die auf dem Schrottplatz der ALBA Metall Nord zuhause sind und meist von Abfällen leben, innerhalb eines Tages jede einzelne Muschel von den Brettern. „Das ist biologische Kreislaufführung“, erklärt Demski und lacht.

Recycling auf Erfolgskurs

Nach zwölf Tagen haben die Mitarbeiter der ALBA Group ihre Arbeit getan und die Schiffe fachgerecht demontiert. Rund 60 Tonnen Stahl und 20 Tonnen Holz kommen bei den Arbeiten an Bärbel und Bärbel-Marlies insgesamt zusammen. Das Ergebnis freut nicht nur Michael Demski, sondern auch die Mitglieder der Berlin-Brandenburgischen Schifffahrtsgesellschaft.

Viele Bauteile der alten Lastkähne gehen wieder in den Besitz des Vereins über: Teile des Holzbodens etwa gelangen als Wandverkleidung in ein Fischrestaurant, das Ruder wird als Dekoration verwendet und der Bug zu einer Bar umfunktioniert. „Das macht sich optisch ganz toll“, findet Michael Demski. Lediglich die wenigen unbrauchbaren Holzreste gelangen in die energetische Verwertung.

Den übrigen Stahlschrott gibt der ALBA-Projektleiter ins Stahlwerk, wo er eingeschmolzen und zu neuen Stahlprodukten verarbeitet wird. Vielleicht ein Bauteil eines Schiffs, das irgendwann einmal über den neuen Finowkanal fährt. (KR)

Verwandte Links

1. Demontage der Stahlriesen – Portalhubwagen-Recycling live
2. Pipeline-Recycling: Urban Mining auf dem Acker
3. Trafo-Recycling live – Hochspannung bei ALBA in Rostock

(Foto: ALBA Group)


Artikel drucken Artikel drucken