Berufe in der Abfallwirtschaft: Kunststoffrecycling-Expertin

13.12.2017 – „Die Chemie muss stimmen“

Berufe in der Abfallwirtschaft: Manica Ulcnik-Krump treibt das Kunststoffrecycling bei Interseroh voran. Die Voraussetzung: Leidenschaft für die Materie.
Berufe in der Abfallwirtschaft: Kunststoffrecycling-Expertin

„Die Chemie muss stimmen“

„Ich kann mich schnell in chemischen Details verlieren. Das versteht dann kein Mensch mehr“, sagt Dr. Manica Ulcnik-Krump, und lacht. Über ihrem Kostüm trägt die 49-jährige Slowenin einen weißen Laborkittel, vor ihr auf dem Schreibtisch liegt eine Abhandlung über anionische Polymerisation. Sie deutet durch ein Glasfenster, durch das sie einen Teil des Labors überblickt. Zwei Mitarbeiter sind gerade mit Morphologie und Elementanalyse beschäftigt, erklärt sie, eine Mitarbeiterin bereitet eine Waschanalyse vor. Im abgeschlossenen Bereich dahinter wird an der Mustervorbearbeitung und der Koloristik für die Kunststoff-Regranulate gefeilt.

Seit 2008 setzt die promovierte Chemikerin ihre Fachkenntnis für den Umweltdienstleister Interseroh, der zum Rohstoffversorger ALBA Group gehört, ein, um die Forschung und Entwicklung an Recyclingkunststoffen voranzutreiben. Vor einem Jahr dann eröffnete Interseroh ein eigenes Kompetenzzentrum samt Labor in Maribor, Ulcnik-Krumps Heimatstadt, die etwa eine Autostunde von Graz entfernt liegt. Seither leitet die Wissenschaftlerin nicht nur das vierköpfige Forschungs- und Entwicklungsteam vor Ort, sondern den gesamten Geschäftsbereich Recycled-Resource – das von Interseroh entwickelte, preisgekrönte Upcyclingverfahren für Kunststoffe.

Quantensprung in der Recyclingtechnik

Paradeprodukt im Portfolio von Recycled-Resource ist das Regranulat Procyclen. Das neuwertige Recyclingmaterial wurde – wie das Verfahren selbst – bereits mehrfach ausgezeichnet und lässt sich mit allen erdenklichen Eigenschaften und Farben ausstatten, ganz nach dem Wunsch der Kunden. Ein wahrer Quantensprung in der Recyclingtechnik, erklärt Manica Ulcnik-Krump: Noch vor zehn Jahren habe man alte Kunststoffe mehr oder weniger willkürlich zusammengewürfelt und hatte wenig Einfluss auf die Materialqualität.

Heute sieht das anders aus: Der komplexe Prozess aus Extrusion und Compoundierung sowie die Beigabe chemischer Komponenten ermöglichen es, die Regranulate exakt zu modifizieren. „Interseroh hat diese Vision von Anfang an verstanden und unterstützt“, sagt Manica Ulcnik-Krump. Ihr Ziel ist es, zusammen mit ihrem Team weitere Rezepturen zu entwickeln und das Regranulat für immer mehr Kunststoffprodukte fit zu machen.

„Kunststoff ist ein Wundermaterial“

Wenn es um Umweltverschmutzung geht, hat Manica Ulcnik-Krump eine klare Haltung. Sie hält nichts davon, den „Schwarzen Peter“ den Kunststoffen zuzuschieben. Würden alle Abfälle ordentlich gesammelt, so biete Kunststoff ideale Voraussetzungen für das Recycling: „Weder muss man ihn so hoch erhitzen wie Metalle noch benötigt man so viel Wasser wie für Papier“, erklärt sie. Und: Der Recyclingkunststoff könne wiederum unterschiedlichste Eigenschaften erhalten, flexibel oder hart sein, einfarbig oder bunt, resistent bei hohen oder bei niedrigen Temperaturen. „Mitunter muss man dafür lediglich die Position eines einzigen Atoms im Molekül ändern. Aus wissenschaftlicher Sicht ist Kunststoff ein wahres Wundermaterial!“

Manica Ulcnik-Krump zählt zu einer Handvoll Experten, die weltweit an der chemischen Modifikation von Recyclingkunststoffen arbeiten. Umso mehr mag es überraschen, dass sie ihre Begeisterung für Chemie erst während des Studiums entdeckte, für das sie neben Slowenien auch in Frankreich, Schweden, Deutschland und Griechenland forschte.

Von Maribor nach Berlin und zurück

Nach ihrer Promotion und Jahren in der Wissenschaft folgte Manica Ulcnik-Krump schließlich dem Ruf der Industrie: „Ich möchte mein Wissen für etwas einsetzen, das man in der Hand halten und täglich nutzen kann.“ 2008 nahm sie das Angebot des Kölner Umweltdienstleisters an, als Beraterin im Bereich Recyclingkunststoffe zu arbeiten – unter einer Bedingung: Sie wollte weiterhin in Maribor leben, bei ihrem Mann und ihrer damals kleinen Tochter. Interseroh erfüllte ihr den Wunsch.

Im Gegenzug nimmt Manica Ulcnik-Krump lange Reisen in Kauf. Die Leiterin der Business Unit Recycled-Resource ist an mehreren Tagen pro Woche bei Kunden vor Ort, in der Berliner Zentrale der ALBA Group, bei Interseroh in Köln oder in der Kunststoffproduktionsanlage in Eisenhüttenstadt – je nachdem, wo ihre Expertise gebraucht wird. Das ständige Pendeln über große Distanzen bringt ungemütliche Weckzeiten mit sich: „Wenn ich um 9 Uhr in Köln oder Berlin sein will, muss ich zuhause um 3 Uhr früh aufstehen.“ Doch an den wenigen Schlaf hat sich die 49-Jährige gewöhnt. Die beruflichen Erfolge, sagt sie, geben ihr alle investierte Energie zurück.

Kaiserin der Wissenschaften

Die mittlerweile erwachsene Tochter der Recyclingexpertin teilt die Begeisterung der Mutter für Chemie – gerade hat sie ihr eigenes Chemiestudium aufgenommen. Ohnehin, findet Manica Ulcnik-Krump, ist die Chemie die Kaiserin der Wissenschaften: „Egal worum es geht, die Chemie muss stimmen. Sonst funktioniert nichts, sei es in der Wirtschaft, der Produktion oder zwischenmenschlich.“

Und die Chemie stimmt: Vor wenigen Wochen nahm Ulcnik-Krump zudem für Recycled-Resource den slowenischen Umweltpreis entgegen. Eine willkommene Anerkennung – doch die größte berufliche Freude bereitet ihr etwas anderes: „Neulich habe ich einen Korb aus Procyclen im Handel in Griechenland gesehen. Diese Momente sind für mich unbezahlbar und der Beweis, dass die Entscheidung richtig war, aus der akademischen Welt aus- und ins Recycling einzusteigen.“ Inzwischen setzen immer mehr Unternehmen – auch international – Procyclen serienmäßig in ihrer Herstellung ein. Dass dies einen Mehrwert für die Umwelt bringt, hat das Fraunhofer-Institut UMSICHT ermittelt. Demnach spart der Einsatz von Procyclen im Vergleich zu Neumaterial aus Erdöl bis zu 50 Prozent Treibhaugase ein.

48-Stunden-Tag erwünscht

Trotz der vielen Arbeit und dem ständigen Pendeln schafft sich Manica Ulcnik-Krump Freiräume für ihre Hobbys. Zum Beispiel das Kochen: „Keiner glaubt mir, dass ich gerne Hausfrau bin“, sagt sie. „Am schönsten ist es, wenn spontan viele Gäste vorbeischauen, wie es in Slowenien üblich ist.“ Mit ihrem Mann teilt sie die Liebe zu Büchern; die gemeinsame Sammlung umfasst mehrere Tausend Stück.

Und sie treibt Sport, wann immer es die Zeit erlaubt. Am liebsten fährt sie Ski auf noch jungfräulichen Pisten in den nahe gelegenen Bergen – natürlich mit der Familie. Eigentlich, sagt Dr. Manica Ulcnik-Krump, wäre ein 48-Stunden-Tag nötig, um alles Wichtige darin unterzubringen. „Alles außer fernsehen, schlafen und putzen. Dafür ist meine Zeit zu wertvoll.“ (KR)

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(Foto: ALBA Group)


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