Flugzeug-Recycling in aller Munde

Die Legende der „fliegenden Schätze“

Laut verschiedener Medienberichten hat die Industrie ausrangierte Flugzeuge als Rohstoffquelle entdeckt, da sie voller Aluminium, Titan und Kupfer stecken. Doch ist das Verwerten von Jumbo Jets & Co. wirklich so neu? recyclingnews hat sich in der Branche umgehört.
Flugzeug-Recycling in aller Munde

05.02.2013 – Sie gelten als sicherstes Verkehrsmittel der Welt und sind weit über ihren Lebenszyklus hinaus viel wert: Laut verschiedener Medienberichten hat die Industrie ausrangierte Flugzeuge als Rohstoffquelle entdeckt, da sie voller Aluminium, Titan und Kupfer stecken. Doch ist das Verwerten von Jumbo Jets & Co. wirklich so neu? recyclingnews hat sich in der Branche umgehört.

Das Szenario lässt sich lebhaft darstellen: In den Schwellenländern der Erde rosten in sengender Hitze zahlreiche Flugzeug-Wracks vor sich hin, die bis unter die Tragflächen mit kostbaren (Sekundär-)Rohstoffen gefüllt sind. Medien fragen derzeit: Warum hat bisher niemand daran gedacht die „fliegenden Schätze“ zu bergen?

„Ganz so einfach wie es auf den ersten Blick scheint, verhält es sich mit dem Flugzeug-Recycling nicht“, erklärt Patrik Kalk, Geschäftsführer der INTERSEROH Jade Stahl GmbH und Experte auf dem Gebiet des Metall-Recyclings. „Derzeit wird das Feld des Jumbo-Recyclings von vielen Unternehmen mit Interesse betrachtet, valide Zahlen, wie viele Flugzeuge derzeit in einer gewissen Größenordnung zum Recycling bereit stünden, liegen aber noch nicht vor.“

Kalk spielt damit auf eine statistische Gegebenheit an: Ein Flugzeug tut 30 bis 35 Jahre seinen Dienst und der Massenverkehr in der Luft ist ein ziemlich junges Phänomen. Somit sei das Gros der Flugzeuge derzeit noch in Betrieb. Doch auch in Anbetracht dieser Situation ist das Recycling von Flugzeugen bzw. Flugzeugteilen keine gänzlich neue Geschäftsidee:

„INTERSEROH Jade Stahl übernimmt heute schon zum Teil Schrotte von Firmen, die sich speziell mit der Verwertung von ausgesonderten Flugzeugen befassen. Es werden aus den alten Maschinen zunächst Ersatzteile ausgebaut, die dann verkauft werden – der Rest geht in die Verschrottung“, so Kalk. Interessant seien bei der Zerlegung der Flieger vor allem Fraktionen wie Aluminium, Titan und Kupfer(kabel), die standardmäßig darin verbaut sind. Derzeit sei das Aufkommen über Flugzeug-Verwertung als sehr unregelmäßig und gering einzuschätzen.

Dabei sitzt Jade Stahl schon fast an der Quelle: Das Unternehmen ist bereits seit über dreißig Jahren Generalentsorger der Firma Premium AEROTEC, Betreiber der größten Zerspanungsanlage in der EADS-Gruppe. Die European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) ist Europas größter Luft- und Raumfahrt-Konzern, beispielweise mit der Marke Airbus – sowie zweitgrößter Rüstungskonzern. Im niedersächsischen Varel, südlich von Wilhelmshaven, werden diverse Bauteile für Airbus gefertigt bei denen schon während der Herstellung Eisen- sowie Nichteisenmetalle als Produktionsabfälle verschrottet werden. Am anderen Ende des Flugzeug-Lebenszyklus – nämlich bei der Fertigung – scheinen derzeit also noch wesentlich gewinnbringendere Aufgaben für Recycling-Unternehmen anzufallen.

„Immer mehr Flugzeuge werden wohl künftig auch in Europa nach „Ausmusterung“ recycelt und als Rohstoffquelle genutzt“, schätzt Patrik Kalk. „Ich denke allerdings, dass ein Mix aus Ersatzteilhandel und Verschrottung erforderlich ist, um daraus ein lukratives Geschäft zu generieren.“

Dennoch gäbe es bereits Unternehmen in Deutschland, die sich auf die Schrottverwertung von alten Flugzeugen spezialisiert haben. Die Herausforderung sei dabei, dass grundsätzlich zwar alle Teile von Maschinen entsorgt werden könnten, ältere Maschinen aber Probleme machen mit so genannten Aluminium-Lithium-Legierungen. Ob und wie dieses Material recycelt werden kann, wird derzeit in diversen Forschungsprogrammen geprüft. Eine letztendliche Lösung sei aber noch nicht in Sicht. Insofern hält sich der Hype, den diverse Medien um das Thema Flugzeug-Recycling geschaffen haben, in der Branche derzeit noch in Grenzen.

Auch wissenschaftliche Arbeiten zu dem Thema – wie beispielweise von der TU Clausthal – ergeben, dass das Recycling heute noch sehr unzureichend in den unterschiedlichen Lebenszyklusphasen von Flugzeugen verankert ist – was aber auch an deren Fertigung liegt. Aufgrund der Langlebigkeit von Flugzeugen fand bisher in der Entwicklung von Flugzeugen kaum eine Berücksichtigung der Recyclingfähigkeit der verbauten Materialien statt. Dies liege unter anderem daran, dass Flugzeuge, die noch flugtauglich sind, bei ihrer Außerdienststellung über zahlreiche zertifizierte und im Flugbetrieb einsetzbare Teile verfügen. Daher übersteigt ihr Wert in der Regel das für das Materialrecycling zu vertretende Preisniveau.

Außerdem müssten Flugzeuge, die in Deutschland recycelt werden sollen, aufgrund der Witterungsverhältnisse sehr schnell demontiert werden, da sonst Korrosionsprozesse einsetzen. Aus diesem Grunde werden Flugzeuge in Europa nicht langfristig „geparkt“ und stehen – im Gegensatz zu so genannten Flugzeug-Friedhöfen wie in Afrika oder Amerika – für das Recycling vor Ort nicht zur Verfügung. Desweiteren kommt hinzu, dass bereits ausgeschlachtete Altflugzeuge, die direkt für das Recycling in Frage kommen, meist auf verteilten Standorten weltweit „geparkt“ und fast zu einhundert Prozent nicht flugtauglich sind. Daher sind sie für den deutschen Markt kaum zu aktivieren.

Die beschriebenen „fliegenden Schätze“ sind also derzeit nicht gänzlich im Land der Märchen zu verorten – bleiben aber für die Schatzsucher, zumindest in Europa, derzeit schwer zu heben.

(Foto: Carlson/fotolia.com)


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