Prof. Dr. Meinhard Miegel im Interview

„Kreislaufwirtschaft ist unverzichtbar“

Das Modell eines ungebremsten Wachstums ist nicht zukunftsfähig – so Prof. Dr. Meinhard Miegel in seinem Buch "Hybris". Der Soziologe im Interview.
Prof. Dr. Meinhard Miegel im Interview

22.05.2014 – Ein Paradigmenwechsel steht bevor: Das Konzept ungebremsten Wirtschaftswachstums stößt an seine Grenzen, die Menschen fühlen sich permanent überfordert. Davon ist Prof. Dr. Meinhard Miegel, ehemaliger Mitarbeiter im CDU-Generalsekretariat von Kurt Biedenkopf und Vorstandsvorsitzender der „Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung“, überzeugt. In seinem aktuellen Buch „Hybris. Die überforderte Gesellschaft“ empfiehlt der Soziologe einen menschenfreundlicheren Ansatz, der auch Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft stärker in den Fokus rückt.

Herr Prof. Dr. Miegel, in „Hybris“ vertreten Sie die These, dass westliche Gesellschaften mit ihrem Konzept der permanenten materiellen Expansion gescheitert seien …
Prof. Dr. Meinhard Miegel: Ich sage nicht, dass westliche Gesellschaften mit diesem Konzept gescheitert seien. Immerhin haben viele dank dieses Konzepts einen materiellen Wohlstand erlangt, wie er in der vorangegangenen Menschheitsgeschichte unvorstellbar war. Vielmehr sage ich, dass die westlichen Gesellschaften mit diesem Konzept an Grenzen stoßen oder anders gewendet, dass es nicht verallgemeinerungs- und damit auch nicht zukunftsfähig ist.

Worin unterscheiden sich Ihre Thesen vom Zukunftsszenario des Club of Rome, der bereits 1972 die „Grenzen des Wachstums“ aufgezeigt hat?
Prof. Dr. Meinhard Miegel: Der Club of Rome hat die Ressourcenfrage in den Vordergrund gestellt. Die aber ist – wie wir heute wissen – nicht das drängendste Problem. Drängender ist die Entsorgungsproblematik, also wohin mit den Schadstoffen, die bei der Produktion und beim Konsum entstehen, und die Überforderung von Mensch und Gesellschaft. Was ist das für eine Welt, in der immer mehr erklären: Das ist uns alles zu viel, weniger ist mehr, lasst uns in Ruhe. Hier bahnt sich ein Paradigmenwechsel an, den der Club of Rome so nicht vorhergesehen hat und wohl auch nicht vorhersehen konnte.

Sie fordern eine neue lebens- und menschenfreundliche Kultur. Könnten Sie Ihre Vision einer solchen Umwelt für uns skizzieren?
Prof. Dr. Meinhard Miegel: Ein ganz wichtiger Bereich ist der von Bildung und Erwerbsarbeit. Unser heutiges Bildungssystem ist bei Licht betrachtet gar kein Bildungs-, sondern ein Beschulungssystem. Junge oder auch ältere Menschen sollen in möglichst kurzer Zeit zu möglichst effizienten Produzenten und Konsumenten qualifiziert werden. Dabei werden alle soweit das geht über einen Kamm geschoren. Denn auch das ist ein Effizienzgebot. Doch ist das die Bestimmung von Menschen? Gewiss müssen sie produzieren und konsumieren, um ihre Existenz zu sichern. Aber doch nicht mit dieser Ausschließlichkeit!

Das Leben der Menschen ist zu sehr von den Anforderungen der Erwerbsarbeit geprägt. Das beginnt schon in früher Jugend und setzt sich bis ins hohe Alter fort. Wer einmal verschnaufen will, bedarf hierfür einer besonderen Genehmigung, genannt Urlaub. Eine lebens- und menschenfreundlichere Kultur wird – um es nur an diesem einen Beispiel zu verdeutlichen – den Menschen nicht länger dermaßen einseitig auf Erwerbsarbeit hin konditionieren. Menschen haben nämlich mehr Facetten.

Stichwort Ressourceneffizienz: Viele namhafte Experten sehen die Lösung in einer Entkopplung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Prof. Dr. Meinhard Miegel: Gegen eine Verbesserung der Ressourceneffizienz gibt es keinen vernünftigen Einwand. Doch es reicht nicht, den Ressourceneinsatz pro Produkteinheit um beispielsweise ein Drittel zu senken, wenn zugleich die Produkteinheiten verdoppelt werden. Genau das aber geschieht derzeit. Die Gründe: Milliarden von Menschen, die zum materiellen Wohlstand der Völker des Westens aufschließen wollen, und zugleich eine weitere starke Zunahme der Weltbevölkerung. Deshalb ein entschiedenes Ja zur Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs vom Wirtschaftswachstum. Ebenso entschieden muss jedoch vor der Illusion gewarnt werden, auf diese Weise ließe sich jetzt oder auf absehbare Zeit die Überforderung von Mensch und Umwelt überwinden. Die Verbesserung des Ressourceneinsatzes kann nur eine von mehreren Maßnahmen sein.

Abfälle werden heute zunehmend als Rohstoffquelle betrachtet – Kreislaufführung und Stoffstrommanagement heißt das Motto. Liegt darin nicht eine Chance, die Ressourcenprobleme auf unserer Erde nachhaltig zu lösen?
Prof. Dr. Meinhard Miegel: Kreislaufwirtschaft und Stoffstrommanagement sind nicht nur wichtig und richtig, sondern ganz unverzichtbar, wenn es darum geht, das Wirtschaften nachhaltiger zu machen. Nur anzunehmen, allein dadurch die Ressourcenprobleme auf unserer Erde nachhaltig lösen zu können, ist wirklichkeitsfremd. Denn auch dies ist nur ein Stein in dem großen Puzzle, das zusammengefügt werden muss, um die anstehenden Probleme zu lösen.

Derzeit benötigt die Weltbevölkerung für ihre wirtschaftlichen Aktivitäten die ökologische Tragfähigkeit von 1,5 Globen, und wenn kein Wunder geschieht, wird sie 2030 die Tragfähigkeit von zwei und 2050 von drei Globen benötigen. Vorerst ist also noch nicht einmal die Wende hin zu nachhaltigem Wirtschaften geschafft, von nachhaltigem Wirtschaften selbst ganz zu schweigen. Diese Feststellung soll nicht entmutigen, aber ernüchtern.

Eine nachhaltige Wirtschaftsweise ist eine komplexe Aufgabe. Welche Schritte müssten die Politik auf der einen und die Wirtschaft auf der anderen Seite unternehmen, um die Weichen in Richtung Nachhaltigkeit zu stellen?
Prof. Dr. Meinhard Miegel: Damit sind wir wieder bei der ersten Frage, nämlich der nach der Strategie permanenter materieller Expansion. Diese Strategie ist ihrem Wesen nach nicht nachhaltig, weshalb sich Wirtschaft und Politik von ihr verabschieden müssen. Das heißt praktisch: Abschied von dem Mantra, dass alles durch Wachstum gelöst werden könne und müsse: Beschäftigung, Sozialsysteme, Konsolidierung öffentlicher Haushalte bis hin zum Glück der Menschen. Wenn Parteien im Europawahlkampf 2014 „Wachstum statt Stillstand“ oder „damit Europa Arbeit und Wachstum schafft“ plakatieren, dann offenbaren sie damit, dass sie die Herausforderungen der Zeit noch nicht erfasst haben.

Herr Prof. Dr. Miegel, vielen Dank für das Gespräch. (KR)

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